11. Juli 2026
Know-how: Was ist eigentlich.... Blauschönung?
Im vorherigen Know-how in der Juni-Ausgabe war von der sogenannten Blauschönung die Rede – einer Methode mit gefährlicher Nebenwirkung, die in der modernen Önologie heute nur noch selten zum Einsatz kommt. Warum ist das so? Dafür lohnt sich ein Blick in die „Bibel der Kellerwirtschaft“.
Seit über 100 Jahren – genauer gesagt
seit 1923 – findet die Blauschönung
mit Gelbem Blutlaugensalz in der
Weinbereitung Verwendung. Das im
Jahr 1903 vom deutschen Weinchemiker
Dr. Wilhelm Möslinger entdeckte und daher
auch als Möslinger-Schönung oder „Möslingern“ bezeichnete Verfahren zielt darauf ab,
störende Schwermetalle wie Eisen aus dem
Wein auszufällen. Für die Schönung verwendet die Önologin oder der Önologe Gelbes Blutlaugensalz, wobei der für die Blauschönung
namensgebende, blau gefärbte Niederschlag
durch eine chemische Reaktion entsteht.
Vor allem ein hoher Gehalt an Eisen begünstigt eine Umwandlung von Aromastoffen, Eiweißen und Phenolen in komplexe Molekülketten, die ausfallen und den Wein trüben können. Die Weine zeigen dann einen
weißen bis grauweißen, feinflockigen Schleier, den man als Weißen bzw. Grauen Bruch
bezeichnet. Kommt Luft hinzu, wechselt die
Farbe zu blaugrün bis schwarzgrün, was man
Schwarzen Bruch nennt.
Weine mit einer Metalltrübung schmecken adstringierend, rau,
bitter und metallisch. Die Wahrnehmungsschwellen liegen bei 10 mg/l für Eisen, 5 mg/l
für Zink und 2 mg/l für Kupfer – zum Vergleich: Die für flüchtige Säure liegt bei etwa
600 mg/l, die für Methoxypyrazin (Aroma
nach grüner Paprika) bei 2 ng/l.
Die Wirkungsweise und Durchführung beschreibt Gerhard Troost in seinem 1953 erstmals erschienen Buch „Technologie des Weines“ – in der Branche als „Bibel der Kellerwirtschaft“ bezeichnet – ausführlich. Troost
dozierte über 30 Jahre als Professor und Lehrer an der Geisenheimer Forschungsanstalt
für Wein-, Obst- und Gartenbau, der heutigen Hochschule Geisenheim University, und
baute dort das Institut für Kellerwirtschaft
auf. In seinem Standardwerk schreibt er, dass
das Verfahren entweder im Jungweinstadium oder vor der Flaschenfüllung erfolgen
kann. Nach der Probennahme löst man das
gelbe Blutlaugensalz (Kaliumhexacyanoferrat) zunächst in Wasser, bevor die Lösung mit
Wein vermischt wird. Überschüssiges Eisen,
Kupfer, Zink, Mangan, Silber, Nickel und Blei
wird dabei durch die Bildung von unlöslichen
Salzen verringert. Bei Eisen fällt ein
blauer, bei Zink ein weißer und bei
Kupfer ein rotbrauner, unlöslicher Niederschlag aus, den die Önologin oder
der Önologe mittels Abstich und Filtration nach ein paar Tagen aus dem
Wein entfernt.
Troost empfiehlt in seinem Buch
die Schönung nicht nur einzusetzen,
sobald ein hoher Schwermetallgehalt
auftritt, sondern grundsätzlich vorbeugend. Denn „die Blauschönung wirkt
auf den Wein in günstigem Sinne reifend, abrundend, weshalb sie bei frühen Flaschenfüllungen gern angewendet wird. Sie ersetzt dem Wein einen
Teil des Faßlagers und wirkt so ausbauverkürzend“, schreibt er. In der modernen Önologie, wo Kellermeisterinnen und Kellermeister nach der Devise „so wenig wie möglich, so viel wie
nötig“ auf die meisten Schönungen
verzichten, heute unvorstellbar. Doch trotz
der „enormen Vorzüge“, so Troost weiter, verweist er auf die Nachteile der Blauschönung.
Neben dem Umstand, dass sich vor allem ältere Weine nach der Durchführung der Methode müder zeigten, spricht er die Gefahr
einer Überschönung an. Denn dabei kommt
es, verursacht durch giftige Blausäure, zu einem auffallenden Bittermandelgeruch. Verbleiben also gelöste Blutlaugensalz-Verbindungen im Wein, dürfen diese Produkte
nicht in den Verkehr gelangen und auch
nicht weiterverwendet werden (etwa zum
Brennen oder zur Verarbeitung zu Essig). Zur
genauen Bedarfsermittlung, die heute neFoto: Archiv DWM
ben der Nachkontrolle nur sachkundiges
Weinlaborpersonal durchführen darf, sind
Schönungsvorversuche notwendig – auch
um eine Überschönung zu verhindern.
Schwermetalltrübungen und demnach die
notwendige Blauschönung waren früher weit
verbreitet, mittlerweile kommt der Weinfehler kaum noch vor – zum Glück, besteht sonst
die Gefahr einer Überschönung mit giftigen
Cyaniden, die in Blausäure enthalten sind.
Warum dem so ist, wird klar, wenn man betrachtet, wie höhere Gehalte an Eisen, Kupfer und Co. in den Wein gelangen. Neben der
zu vernachlässigenden Menge an metallischen Spurenelementen, die der Rebstock
über die Wurzel aufnimmt, liegt die Hauptursache bei korrodierbaren Geräten aus Metall – wie Behälter, Pressen oder Eisendübeln
an Fässern. Da aber mit der Zeit immer mehr
Kellergeräte und Behälter aus Kunststoff oder
Edelstahl in die Keller eingezogen sind, verringerten sich damit sowohl die Metalltrübungen als auch der Schönungsbedarf.
Heute gibt es teilweise noch nach einer
Böckser behandlung mit Kupfersulfat Bedarf.
Ansonsten stehen mit Divergan (PVPP), Zitronensäure, Ascorbinsäure oder Hefewandprodukten statt Kupfersulfat Alternativen
zur Verfügung.
ISABELL BLASS
In Schönungsvorversuchen bestimmt das Weinlabor
die für die Blauschönung notwendige Menge an
gelbem Blutlaugensalz mit einer entsprechenden
Versuchsreihe. Bei gelbgrünem Farbumschlag besteht kein Schönungsbedarf.
(c) Archiv DWM