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29. November 2010

Was ist eigentlich ein Hybrid?

Hybrid bedeutet soviel wie Mischung. Umgangssprachlich wurden Hybriden – politisch heute nicht mehr korrekt – Mischlinge oder Bastarde genannt. In der Natur sind Tiere und Pflanzen nach Rassen und Sorten eingeteilt, die zusammen eine Art bilden. Mehrere Arten gehören wiederum zu einer Gattung. Zwar lassen sich Pflanzen und Tiere derselben Art (und in seltenen Fällen sogar innerhalb der Gattung) kreuzen, die Nachkömmlinge sind aber nur selten fähig, selbst wiederum Nachwuchs zu zeugen. So zum Beispiel beim Maultier, das aus Pferd und Esel hervorgeht. Die Kreuzung von Spezies derselben Art hat grundsätzlich das Ziel, dem Tier oder der Pflanze neue Eigenschaften zu geben oder vorhandene zu verstärken. Durch Hybridzüchtung konnte zum Beispiel der Ertrag von Mais oder Reis erheblich gesteigert werden. Die Kreuzungen von verschiedenen Sorten wiederum werden nicht Hybriden genannt. So ist die Rebsorte Kerner als Kreuzung von Trollinger und Riesling zwar eine neue Sorte, aber kein Hybrid. Im Weinbau begann die Karriere der Hybriden mit der Reblauskatastrophe, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den gesamten europäischen Weinbau praktisch vernichtete. Die Reblaus kam damals aus Nordamerika. Anders als ihre europäischen Verwandten waren die Reben der nordamerikanischen Arten gegen die Reblaus resistent. Also war der logische Gedanke zur Rettung der Weinerzeugung der Anbau amerikanischer Rebsorten in Europa. Deren Trauben haben jedoch einen sehr eigenartigen Geschmack, den hierzulande niemand haben wollte. Also versuchten die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, amerikanische mit europäischen Reben zu kreuzen. Die Ergebnisse dieser Versuche werden Hybriden genannt. Diese sollten gegen die Reblaus resistent sein, aber dennoch guten Wein geben. Gleichwohl waren diese Experimente nicht wirklich von Erfolg gekrönt, so dass ein kluger Kopf auf die Idee kam, die europäischen Reben einfach auf die Wurzeln der Amerikaner aufzupfropfen - das nannte er „veredeln“. Noch heute werden die Erzeuger von Rebsetzlingen Rebveredler genannt. Die Rebsorten Riesling, Silvaner, Spätburgunder und Co. sind, wie der Name sagt, Sorten. Darüber steht die Art, die im Falle der europäischen Weinrebe Vitis vinifera sativa heißt. Diese hat noch zwei Schwestern, die V. vinifera silvestris (die Waldrebe) und V. vinifera caucasica (die kaukasische Rebe) genannt werden und leider keine genießbaren Trauben hervorbringen. Vor allem in Amerika aber gibt es Verwandte unserer Weinrebe, die heute große Bedeutung für den europäischen Weinbau haben. Alle „Amerikaner-Reben“ zeichnen sich durch große Pilz- und Reblausresistenz aus. Zum Beispiel V. labrusca, die Fuchsrebe, die unter dem Namen „Isabella“ heute noch in Osteuropa, Südamerika, Indien oder Japan kultiviert wird. Aufgrund des unangenehmen Geruchs, auch Foxton genannt, konnte sie sich in Westeuropa nicht durchsetzen. Andere „Amerikaner“ heißen V. rupestris oder V. riparia. Diese Reben bilden mit anderen das Ausgangsmaterial für die meisten Unterlagsreben unserer heutigen Weinberge und stellten in der Züchtung des späteren 20. Jahrhunderts ihre Resistenzgene den pilzwiderstandsfähigen Rebsorten zur Verfügung, die heute im biologischen Weinbau eine große Verbreitung erreicht haben. Durch langwierige Arbeit ist es den Rebenzüchtern gelungen, die unangenehmen Geschmackskomponenten, die die „Amerikaner“ mitbrachten, zu eliminieren. Gleichzeitig blieb aber die vorteilhafte Resistenz gegen die Reblaus und den Mehltau erhalten. Diese neuen Rebsorten werden auch „interspezifische Neuzüchtungen“ genannt. Die bekannteste Rebsorte mit Hybrid- Beteiligung ist der Regent. Andere vielversprechende pilzwiderstandsfähige Rotweinsorten sind Cabernet Cantor, Cabernet Carbon, Cabertin, Pinotin oder Monarch. Entsprechende Weißweine werden aus Bronner, Johanniter, Phoenix oder Cabernet Blanc gekeltert.